Der Junge muss mal raus und unter Leute

Zuhälterei als Hobby, bergeweise Berge und statische Elektrizität

von | 12.10.2022 | Fotos, Mestia, On the road, Ramblings

Die Russen sind Schuld! Woran? An allem, möchte man dieser Tage meinen, aber mein Beef ist spezifischer und mit meinen Zimmernachbarn, die in der letzen Nacht mal richtig einen drauf machen wollten.

Die Odyssee startet mit einem merkwürdigen Geräusch auf dem Flur vor meinem Zimmer. Nach ein paar Minuten übermannt mich die Neugier. Außerdem ist es nach Zwölf und meine deutsche Hälfte juckt es, denn ich konnte mich heute noch über gar nichts beschweren. Ich öffne die Tür. Eine Frau steht schluchzend, beide Hände vor dem Gesicht, auf dem Flur. Hmm, irgendwie kein Bock auf Drama, aber ich käme mir jetzt auch irgendwie scheiße vor, sie da einfach stehen zu lassen, also frage ich auf Englisch ob sie ok ist oder Hilfe braucht.

 Die Hände bewegen sich und offenbaren, daß hier jemand im Stress ist und mit dem Begriff “Moderation” hinsichtlich der Menge des verwendet Mascara nicht viel anzufangen weiß. Sie blickt mich an und fängt an zu reden. Kein Englisch. Ein paar Worte später bin ich mir sicher, daß das Russisch sein muss. Ich bin durchaus polyglott, kann aber auf Russisch nur ausdrücken, daß ich kein Russisch sprechen kann. Also entschuldige ich mich und bringe meinen einen Satz Russisch.

Normalerweise sorgt das für kurzes Unverständnis und dann wird entweder mit Händen, Füßen und/oder Google Translate weitergearbeitet, aber es gibt für alles ein erstes Mal und so bricht sie ihr weinen ab um mich anzuschreien. Dem aufmerksamen Leser wird vll. noch die Episode in der Wechselstube in Erinnerung geblieben sein und somit denke ich mir “Fuck that” und schließe die Tür. Das Schluchzen wird wieder aufgenommen.

Ein paar Augenblicke später höre ich eine Männerstimme über den Flur brüllen. Die Stimme kommt näher, mischt sich mit dem Schluchzen. Jetzt schreien beide. Dann Schritte, eine Tür knallt, das Schreien geht, wenn auch leiser, weiter; genauer gesagt bis UM SCHEISS DREI UHR MORGENS.

Entsprechend müde stehe ich um 7 auf, gehe duschen und packe meine Sachen. Heute geht es nach Mestia. Um 8 wird mich Georgi erwarten, der mein Fahrer für die Strecke ist. Neun Stunden stehen uns bevor. Wir haben uns vorher noch nie gehört oder gesehen, 50/50 also. Georgi schickt mir um 7:45 eine Nachricht. “I’m already here, but don’t hurry, no stress”.

Ab zur Rezeption und auschecken. Draußen treffe ich dann auf Giorgi. Etwa 1,70, untersetzt, sympathisches Grinsen, riesige Hände. Wir begrüßen uns, er schnappt sich meinen Koffer und Rucksack und verstaut beides in seinem Subaru Legacy Allrad Kombi. Er bittet mich einzusteigen, ich öffne die rechte Tür und sehe ein Lenkrad. Das gehört hier nicht hin, denke ich mir. Hinter mir höre ich Georgi lachen “That, ok, bro, you can also drive if you want”.

Ich war mir sicher, daß hier auf der rechten Seite gefahren wird und so frage ich, was mit seiner Karre falsch läuft. Giorgi ist sichtlich amüsiert und erklärt während ich auf die linke Seite wechsele “You see, western car very expensive in Georgia, so we buy used car from Japan”.

Wir fahren los. “Where are you from?” “Germany.” “Are you married?” Here we go again. Verheiratet zu sein, scheint hier von enormer Bedeutung, denn das war auch eine der ersten Fragen von Tengiz auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel. “No”. “Why? You look like nice guy and you from Germany, so you have money”. Ich setze zu einer halbherzigen Erklärung an, aber er fällt mir in’s Wort. “Don’t worry, I find you nice Georgian girl! What you like? Blonde, dark?” Giorgi fragt, mit seinen Händen vor der Brust gestikulierend, nach meinen Präferenzen hinsichtlich der Körbchengröße meiner Zukünftigen und sein Grinsen verbreitert sich proportional zum Abstand seiner Hand zu seiner Brust.

Er merkt, dass ich nicht so recht weiß, wie ich jetzt antworten soll und hat sichtlich Freude an meiner Verwirrtheit. “Don’t worry, I play! Here, relax, I brought some Chacha from my wife village”, feixt er und reicht mir eine Flasche klaren Alkohol aus seinem Handschuhfach. Es ist 08:45. “I*m so sorry, that’s really nice, but I don’t drink”, erkläre ich. “Oh, no problem, I also brought water.” Das ist die angenehmste Reaktion auf die ‘ich trinke nicht’ Erklärung, die ich seit langem erlebt habe. Keine komischer Blick, kein Nachhaken, einfach nur ein ‘cool, dann was ohne Alkohol’.

Wir kommen in’s Gespräch und Giorgi entpuppt sich als exzellenter Fahrer, Guide und Wegbegleiter. Wir halten das erste Mal zum Tanken und Giorgi steckt sich neben der Zapfsäule eine Kippe an. Nicht ganz unwichtig zu erwähnen und als Erklärung für meine aufkeimende Nervosität, ist hier vielleicht, daß sein Wagen mit Gas betrieben wird.

Ich suche die Toilette auf und bemerke dabei im Vorbeigehen, daß hier mehrere Shops an der Tanke eingerichtet sind. Überrascht stelle ich fest, daß es sich um einen Dunkin Donuts und einen Wendy’s handelt. Hätte ich nicht mit gerechnet.

Der Winkel ist leider ein bisschen Kacke, aber es musste schnell gehen, denn erfreut stellte ich fest, daß Giorgi nicht samt Tanke explodiert war und wir hatten noch ein paar Hundert Kilometer vor uns.

Beim Verlassen der Tanke schneidet uns eine ältere Dame mit Dauerwelle und Georgi quittiert dies mit Hupen. Die Dame erschreckt kurz, verzieht dann das Gesicht und hupt zurück. “You see, in Georgia, when someone drive like this, we say she’s like the moon. We see her but she don’t see us! Also she’s too old for you”, lacht er und gibt wortwörtlich Gas.

Wir passieren einige Städte und Dörfer und ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Wow, ist Georgien schön! Die Landschaft nimmt mit Nähe zu unserem Ziel immer mehr Gestalt an. Soll heißen aus seichten, wenn auch hohen Hügeln, werden langsame aber sicher Berge. Viele Berge!

Ich hänge hier unten ein paar Videos an. Die muss ich leider stummschalten, weil Girogis Playlist nicht nur Balkan-Techno und georgischen Dubstep enthält, sondern auch Titel, die mit Sicherheit DMCA Claims seitens Youtube einbrocken werden. Sorry dafür. Fotos hab ich auch kam gemacht, ich war zu sehr damit beschäftigt aus dem Fenster zu schauen und beeindruckt zu sein. Keine Sorge, in den Videos bekommt man einen guten Eindruck vermittelt.

Giorgi und ich verstehen uns gut, haben nach ein paar Stunden schon zwei! Inside-Jokes, welche wir nicht müde werden zu wiederholen und ziehen uns gegenseitig auf. Sein Englisch ist nicht gut, reicht aber völlig, um sich hauptsächlich ohne Google zu verstehen.

Wir kommen in einer kleineren Stadt vorbei und Giorgi bremst schlagartig. “Look! She’s nice, I talk to her for you”. Bevor ich schalten kann, was er damit meint, hat er das Fenster komplett heruntergekurbelt und ruft ein junge Frau vom Bürgersteig herbei. Der wird doch nicht…doch wird er bzw. ist schon voll dabei. Giorgi redet auf sie ein und zeigt ein paar Mal breit grinsend auf mich. Ich verstehe meinen Namen aber ansonsten nichts, was die Situation natürlich noch angenehmer macht. Schade, daß sein Sitzbezug nicht burgunderrot ist, dann hätte ich Tarnung gehabt. Ihr scheint es ähnlich zu gehen. Haben wir also schon eine Gemeinsamkeit entdeckt. Sie winkt lächelnd ab und die beiden scheinen sich zu verabschieden. “My bad, she marry, I did not check finger for ring”, lacht Giorgi.

Ein Dorf weiter dann nochmal. Ich erkläre Giorgi, daß ich das zwar zu schätzen weiß, aber ich eher zurückhaltend bin, die Damen seiner Wahl alle kein Englisch zu sprechen scheinen und auch alle viel zu jung sind. “Why, how old are you”, will er wissen. “Forty”, sage ich. “Shut up! No way, you not older than me! To me you look like boy! Wait I call my wife!”, feixt er und ruft tatsächlich seine Frau via Videocall an. Ich verstehe wieder kein Wort, aber bekomme nun sein Handy in’s Gesicht gehalten. Seine Frau ist auf dem Bildschirm zu sehen. Ich grüße, sie winkt, Giorgi redet aufgeregt und gestikuliert in meine Richtung. Irgendwann werden ihre Augen etwas größer und sie rückt näher an den Screen, dann lachen beide. “I tell her you are forty!”

Wir machen Pause in Zugdidi und essen Khachapuri, eine Art heißes Käsebrot, und Khankali, georgische Dumplings. Sooooo gut, aber keine Zeit zu verlieren, es ist schon 13 Uhr und wir haben noch einiges an Strecke vor uns.

Auf der Hälfte des Weges nach Mestia fahren wir einen steilen Anstieg hoch und weren direkt hinter einer Serpentinenkurve von der Polizei angehalten. Der Checkpoint besteht aus einem Polizeifahrzeug, fünf Beamten, von denen sich vier in den Schatten gelegt haben, sowie einem Herren in zivil, der zwischen 18 un 58 Jahren alt ist. Schwer zu sagen, aber die Landluft scheint seiner Lunge besser bekommen zu sein als seiner Haut. Der Polizist, der außerhalb des Schattens steht, umrundet das Fahrzeug und bittet Georgi um Führerschein und Fahrzeugpapiere. Er händigt diese aus und der Beamte überprüft diese halbherzig bevor er uns bittet aus dem Fahrzeug auszusteigen. Georgi soll den Kofferraum öffnen. Macht er und der Polizist, dem seine Uniform ähnlich gut sitzt, wie seinem Kollegen vom Flughafen, begutachtet den Kofferraum.  Er deutet auf meinen Rucksack und wechselt mit Georgi ein paar Worte bevor dieser die Klappe wieder schließt. Nun zeigt Officer One Size Fits All auf einen nicht uniformierten Mann, der sich zwischen den anderen Beamten befand und er und Georgi wechseln wieder ein paar Worte. Georgi wendet sich schließlich an mich. “Do you mind if this man join us to Mestia?”, fragt er. “Sure, why n…”, weiter komme ich nicht den Georgi öffnet die Augen weit genug und schüttelt den Kopf gerade so weit, daß ich begreife, daß er das Gegenteil von mir hören will. “…nnno, I’d rather not”, sage ich und schüttele zur Untermalung den Kopf. Georgi wendet sich an den Beamten und scheint zu erklären, daß das ‘leider’ nichts wird. Ich blicke ebenfalls betroffen drein und wir machen uns vom Acker. “These asshole want free ride for their friend, but I work hard for money and he extra weight for car. You see, road to Mestia really bad.”

Und ich see, the road the Mestia ist wirklich bad. Zumindest die letzten 70 Kilometer sind mit abenteuerlich wohlwollend umschrieben und wir navigieren uns um Schlaglöcher jeglicher Größe und Abschnitten in denen die Straße so stark vom Regen unterspült wurde, das eine Seite der Fahrbahn gesperrt ist. Mulmig ist mir schon, aber ich weiß, Georgi will auch wieder nach Hause und wird nichts zu Riskantes wagen. Außerdem ist er die Strecke schon zig Mal gefahren und was bleibt mir jetzt auch anderes übrig? Umkehren?

Um 18 Uhr erreichen wir schließlich Mestia. Georgi ist mir ans Herz gewachsen und ich bin ein bisschen traurig, daß unsere Wege sich hier trennen. “Amaro, you are a good boy! I really like you! Here, this my private number. When you have problem, you need translator or you think they try to make price high for you, you call me, bro, ok?” Was für ein liebenswerter Mann! Wir umarmen uns und ich wünsche ihm eine gute Fahrt, denn er muss jetzt 9! Stunden zurück nach Tbilisi, die nächste Fahrt wartet schon am nächsten morgen.

Das ist mein dritter Tag in diesem, mir vorher nur vom Namen und rudimentärer Geschichte her bekannten Land, aber ich weiß jetzt schon, daß ich gerne wieder hierherkommen möchte um mehr von Land und Leuten kennenzulernen.

Nun liege ich gerade im Bett in meinem Guesthouse und bete, daß die ganze Elektronik, die ich mit mir führe, überlebt, denn die Laken und Bezüge sind hier aus Kunststoff und sind statisch so stark aufgeladen, dass mir jetzt schon das zweite Mal eine an der Klinke zum Bad gewischt wurde. Zu der Nachhaltigkeit gesellt sich auch noch das zeitlos elegante Design.

Zu Mestia selbst dann hoffentlich morgen mehr, denn das Internet ist hier schon recht unzuverlässig, aber nun erst mal Medien.