Der Junge muss mal raus und unter Leute

Mestia Tag 2

von | 15.10.2022 | Fotos, Mestia

Heute noch mal Mestia. Der Ort ist klein, sehr klein sogar, streckt sich aber entlang der Flüsse Mulkhra, Mestichara und Pushkueri, was ihn größer erscheinen lässt. Hässlich ist es hier auch nicht, aber man merkt, daß der Tourismus einen gewissen Tribut fordert.

So sieht man zwar immer noch ältere und traditionellere Gebäude, aber viele wurden bereits durch neuere und modernere Bauten ersetzt. Es gibt zwei Supermärkte, vier Apotheken, ein Krankenhaus, jede Menge Hotels, Gasthäuser, Restaurants, Bars und Shops, welche sich, mal mehr mal weniger, in das übrige Stadtbild einfügen.

Aber erst mal Frühstück. Ich gastiere bei einer Familie, welche ihr recht Heim zu einem Gasthaus umgebaut haben. Ich schätze so sechs Zimmer sollten es sein. Einige mit eigenem Bad und ein paar mit Gemeinschaftsbad. Ich bin Soloscheißer, also gönne ich mir das eigene Bad.

 

Anschließend ein Rundgang durchs Dorf. Es werden wieder Kilometer gerissen, denn es ist wirklich schön hier und ich freue mich auf den Trek. Wenn die Landschaft so bleibt und die Bevölkerungsdichte abnimmt, kann es nur großartig werden. Ein bisschen nervös werde ich schon, denn auch wenn man Touristen trifft, scheinen die meisten mit Auto transportiert zu werden. Einige Rucksäcke kann ich hier und da erspähen, aber die sind, der Größe nach zu urteilen, eher für Tagesausflüge bestimmt. Egal, deswegen bin ich ja hier.

Als nächstes steht ein Besuch im Svaneti Museum of History and Ethnography an. Gäääähhhhn, Museen? Really, Sandhorst? Yup, falls jemand fragt, ob ich was gelernt habe, kann ich jetzt wenigsten vage nicken und entgegnen “Ich war da im Museum!”

In a nutshell, die Region ist alt, sehr alt, und wurde schon vorchristlich bevölkert. Svanetien schien wohl bekannt für seine Metallverarbeitung und war nicht ganz so isoliert, wie man meinen mag. So finden sich römische Münzen, ottomanische Waffen, syrische Schriften und jede Menge religiöse Fragmente aus dem Früh-, und Spätmittelalter. In der Kirchen und Klöstern der streng Orthodoxen Region entdeckten Historiker aus dem 19. Jahrhundert Schätze, Schriften und Reliquien. Diese sind nun restauriert und hier ausgestellt.

Ein Buch um das Jahr 1000 nach Chr. mit religiösen Texten, im Original erhalten und in einem der Klöster entdeckt. Dazu noch zwei Malereien vom heiligen Dings und Bums, die für religiöse Menschen sicherlich mehr Bedeutung haben als für mich. Ich habe diese abgelichtet, weil ich bis heute nicht verstanden habe, warum die Leute damals so massive Probleme mit Proportionen hatten.

Fun fact: die Türme, die man in vielen der Fotos sieht, sind noch aus dem Frühmittelalter erhalten und dienten der Verteidigung. Und während man heute hier die Gastfreundschaft seht pflegt und lebt, schien das nicht immer so gewesen zu sein und man war sich nicht mal untereinander sehr freundlich gesinnt. So waren Überfalle auf die Nachbarregion wohl an der Tagesordnung und man musste sich behelfen.

Angeblich war Svanetien schon immer recht wild und isoliert. So war man zwar Teil Georgiens und damit auch der Sowjetunion, aber hier regte sich zuletzt in den frühen 80ern ein Widerstand gegen die Kreml-Clique und wurde mit dem Ausradieren einiger Dörfer quittiert. Jedoch blieb es dabei, denn die Gegend war so abgeschieden, daß man wohl bei der Cost-Benefit-Analyse zu dem Schluss kam, daß eine extra Besatzung der Region, die wirtschaftlich nicht viel zu bieten hatte, nicht wirklich rentabel ist, beließ es bei dieser Show-of-Force und ließ die Leute machen, wie sie wollen.

Dadurch war Svanetien quasi unabhängig und es entwickelten sich Gang-Strukturen, die erst 2004 durch den Einmarsch der georgischen Armee ein Ende fanden. Bis zu diesem Zeitpunkt galt die Region als ausgesprochen gefährlich, denn es war nicht selten, daß man sich hier seinen Unterhalt durch Überfälle auf Durchreisende oder deren Entführung und Lösegeld aufbesserte. Dieses Geschäftsmodell wurde jetzt durch Tourismus ersetzt, welcher eine friedlichere und nachhaltigere Art Durchreisende auszunehmen. Denn jetzt kommen sie scharenweise und lassen ihr Geld freiwillig hier. Das bringt andere Probleme mit sich und wer da mehr Interesse hat möge Google bemühen und mal nach “Svan Sprache” oder “Svanetien Staudämme” suchen.

 

Es wird recht schnell dunkel und ich setze meinen Rundgang fort. Einer der zwei Supermärkte ist ein Spar! Die kenne ich aus Hamburg noch aus Schulzeiten, aber habe ewig keinen mehr gesehen.

Gerade im Zentrum Mestias kann man den Kontrast zwischen originalen Bauten und dem Bestreben, es dem Tourismus “recht zu machen” sehen.

 

Auch hier gibt es jede Menge streunende Hunde und Katzen und wie in Tiflis sind die durch die Bank sehr zutraulich und niemals aggressiv. Im Gegenteil; die freuen sich über jede Zuneigung und jeden Bissen, den sie abstauben können. Ein Good Boy hat sich den eben erwähnten Spar als Revier ausgesucht und wartet jeden Tag vor dem Eingang auf Leute wie mich, die nicht nein sagen können.

Zum Abendessen verschlägt es mich in das Cafe Laila, benannt nach einem der Berge hier, und ich gönne mir eine traditionelle Svan-Speise: Kubdari. Das ist quasi mit Zwiebeln, grobem Hack und Kräutern gefüllte Teigtasche.

In einer dunklen Ecke entdecke ich zudem archäologische Beweise dafür, daß auch deutsche Fussball-Asseln in Svanetien eingefallen sein mussten. Noch ein guter Grund für die Türme.