Nicht mal eine Meile Stiefel
Ich habe gern, mal mehr und mal weniger ernst, die Phrase “Gott hasst mich” gebraucht, wenn Dinge, auch gern mal in Serie, schief gegangen sind. Und weil Dinge gern mal in Serie schief gehen, habe ich angefangen, mir die Vorfreude auf Vorhaben, Ereignisse und eigentlich alles zu nehmen, um so einer Enttäuschung vorzubeugen bzw. diese, sollte sie eintreten, mit einem “war ja klar” oder “ich hab’s ja gewusst” abtun zu können. Man kann darüber streiten, ob das clever ist oder nicht, aber ich versuche hier auch nicht mein Verhalten zu rechtfertigen, sondern zu beschreiben, wie ich das bisher angegangen bin.
Diese Reise sollte die Ausnahme darstellen und ich habe mit mal Vorfreude gegönnt. Reise geplant, brav Ausdauer trainiert, recherchiert und dann einfach losgeflogen. Aber ich greife voraus. Der Reihe nach.
Heute (Freitag, ich berichte wieder mit Verspätung, ob der Ereignisse) sollte es also losgehen. Die Wanderung von Mestia nach Ushguli. Erster Stop: Zhabeshi. So 16-20km, je nach Route und gute 6 Stunden sollten es werden. Ich habe mir mehr Zeit eingeplant für Fotos.
Kurz vor 08:00 verlasse ich mein Gasthaus in Mestia und breche auf. Unterkunft in Zhabeshi ist gebucht. Geländekarte ist runtergeladen, falls es Probleme mit dem Empfang geben sollte. Powerbank ist voll. Frühstück gibt es keines, denn das geht erst ab acht los. Egal, ich habe den Abend zuvor im Supermarkt Verpflegung erstanden und entdecke auf dem Weg aus der Stadt noch einen Bäcker. Die machen ihr Brot in einem kugelförmigen Tonofen, der einen Eingriff von oben hat, und kleben den Teig an die Decke. Ist das Brot fertig, fällt es auf ein Rost und wird dann ins Regal gepackt. Das Brot riecht richtig gut und ist noch heiß, als man es mir einpackt.
Ich verlasse Mestia und der Weg ändert sich von unebenen Betonplatten zu “hoffentlich funktionieren deine Stoßdämpfer, Bro”. Aber die Aussicht ist wahnsinn.
Oben der Weg kurz nach Ortsausgang und unten dann der Mount Ushba in ganzer Pracht.
Der Weg schlängelt sich weiter und ganz alleine bin ich dann doch nicht.
Ich drehe mich um und kann Mestia kaum noch ausmachen. Nur noch Berge, aber keine Ahnung welcher das sein mag. Mt. Ushba erkennt man an seinem Zwillingsgipfel besser.
An den Pferdchen vorbei immer höher, bis man da Tal noch besser ausmachen kann.
Es geht zwar schon die ganze Zeit bergauf, aber kurz vor einer Ruine muss ich rechts abbiegen und einen wesentlich steileren Anstieg hoch. Zeit die Trekkingstöcke auszupacken und zu probieren, ob der Hype real ist. Spolier Alert, er ist es. Die Dinger machen den Anstieg merklich angenehmer. Ich bin überzeugt. Noch überzeugter bin ich, als es dann noch steiler wird und der Weg zu einem schmalen Pfad wird. Hier geht es definitiv nur noch zu Fuß weiter. Was ein Weiterkommen überhaupt möglich macht sind Wurzeln und Steine, die stufenartig hier und da aus dem Boden ragen und damit Fläche für einen Fuß bieten. Ohne die, wäre das sehr spannend und nicht ganz ungefährlich geworden. Fallen sollte man hier besser vermeiden. Herr Sandhorst fasst nach guten 2 Stunden nach dem Verlassen von Mestia, davon gute 20 Minuten auf dem “Treppenanstieg”, zusammen:
Läuft also. Ich muss eingestehen: ein bisschen froh war ich schon als das Ende des Anstiegs in Sicht war und der Weg wieder vertretbare Maße angenommen hat. Und ein bisschen Stolz, daß ich nicht komplett abgekackt habe. Nach ein paar Minuten tut sich eine Lichtung auf und mir wird das erste Mal wirklich klar, warum Leute sich das antun. Auf der einen Seite ein Gletscher, auf der anderen ein Bergmassiv. Sowas auf Fotos zu sehen ist eine Sache, mit dem Gefühl davor zu stehen, sich diesen Anblick erarbeitet zu haben, eine andere. Ich habe so etwas Beeindruckendes noch nie gesehen. Das ist riesig! Man fühlt sich klein und groß gleichzeitig. Ich stehe sicher fünf Minuten mit offenem Mund da un drehe mich langsam einmal um 360°. Zeit für eine Pause denke ich mir, das muss ich wirken und sacken lassen. An meinem Gestammel merkt man, daß das auch nötig war.
Drohne raus und ab dafür. Dann aufessen, einpacken und weiter, ich habe schließlich noch etwas Weg vor mir. Und dann:
Geile Nummer. Passt, musste schließlich irgendwas schief laufen, denn wo kämen wir denn sonst hin? Zufriedenheit? Einfach mal nen Lauf haben? Fuck, FUCK! Den Trek beenden kann ich knicken. Und jetzt? Zurück nach Mestia und hoffen, daß dort Wanderschuhe verkauft werden? Ich habe keinen Laden gesehen und bin mir ziemlich sicher die ganze Stadt erkundet zu haben. Und mit der Sohle den steilen Abstieg wagen? Bietet die genug halt? Fuck it, muss halt getaped werden. Hab ich Tape? Im Erste Hilfe Kasten vielleicht. Yup, da ist welches. Ganze Rolle um den scheiß Schuh und hoffen.
Scheint zu halten, aber wie lange? Egal, erst mal weiter. Ein Tal tut sich vor mir auf.
Hinter mir ein kleiner Tümpel.
Laune weiterhin im Eimer, aber die Aussicht tröstet ein wenig.
Ein paar Kilometer weiter und das Tape verabschiedet sich. Zudem löst sich jetzt vorne die Sohle auch noch ab. Immer feste drauf, denn ein bisschen Moral hab ich noch. Shit, und jetzt? Was ist das? Auf dem Boden liegt ein Stück Draht und am Rucksack habe ich noch Riemen, die abnehmbar sind. Shit, der Riemen rutscht immer wieder über die Sohle aber immerhin passt der Draht. Ein Stück Baumrinde liegt hier auch noch, vielleicht verschafft das den nötigen Grip für den Riemen?
Gar nicht so dumm, aber leider fällt meine Bastelei immer wieder auseinander und somit beginnt die Sisyphusarbeit den Riemen immer und immer wieder einzustellen. Durch die fehlende Sohle und den bisweilen matschigen, feuchten Boden und kleinere Bäche, die es zu kreuzen gilt, tritt zudem immer mehr Wasser in den Schuh. Momentan treiben mich nur noch Wut und Trotz. Ich erreiche das erste “größere” Dorf Lakhiri. Urig ist es.
Mitten im Dorf sprudelt aus dem Boden eine Quelle? Ich bin mir nicht sicher, was das genau ist, aber es sieht interessant aus.
Der rechte Stiefel verweigert immer wieder den Dienst und saugt sich immer weiter mit Wasser voll. Zum Glück habe ich jede Menge Socken mit und so kann ich zumindest verhindern, daß mein Fuß komplett nass wird. Aber ich spüre beim Gehen, daß es doch Blasen geben wird. Egal, immer weiter. Das nächste Dorf wird erreicht.
Nach 8,5 Stunden dann endlich Zhabeshi. Eine Gruppe Männer steht am Dorfeingang und scheint an einer Brücke zu bauen. Der Älteste der Gruppe grüßt mich auf Russisch: “Germania?” Yup, erwidere ich. Er scheint sich zu freuen und redet weiter auf Russisch. Ich verstehe nicht alles, aber immerhin, daß er Pilot war, nun in Rente ist und Deutschland kennt. “Sport?” fragt er nun und greift mir an den Oberarm. “Boxing”, sage ich und er freut sich noch mehr. Auch er scheint mal geboxt zu haben.
Es ist erstaunlich wieviel man allein auf Grund der lateinischen und griechischen Lehnwörter im Russischen und Englischen von einander versteht. Er fragt mich, ob ich nach Adishi will. Das wäre der nächste Stop auf meiner Reise gewesen. Ich deute auf meinen Schuh und erkläre, daß ich zurück nach Mestia muss. Er bietet mir an mich zu fahren; ich soll morgen einfach wieder an der Baustelle vorbei schauen. Deal.
Zhabeshi ist winzig, aber schön, liegt es doch am Fuße des Tetnuldi, einem weiteren beeindruckenden Berg des Kaukasus.
Die Straße besteht fast nur aus Matsch, ich bin endgültig kaputt, aber froh angekommen zu sein. Ein pelziger Rezeptionsmitarbeiter heißt mich willkommen und am Ende der Straße sehe ich mein Gasthaus.
Was für ein Scheißtag. Immerhin gabs ein paar nette Drohnenbilder zur Belohnung.

















