Der Junge muss mal raus und unter Leute

Fiat euch

Greetings from Zhabeshi! Das kleine Dorf hat viel zu bieten. Vor allem die Küche hat es mit angetan. Nach meiner Ankunft fragt mich die Wirtin, ob ich viel Hunger habe und zu Abend essen möchte. Ich antworte, daß ich nicht all zu viel essen will, denn ich weiß mittlerweile, wie großzügig die Portionen meistens sind.

Um 19:00 finde ich mich dann im Esszimmer ein. Ein Paar aus Russland und eine Gruppe junger Männer, deren Sprache ich nicht einordnen kann, sind ebenfalls am Start. Wie erwartet, wird reichlich aufgetischt. Zu viel, um das nur ansatzweise aufzuessen. Aber lecker ist es und alles selbst hergestellt von der Wirtin. Überhaupt frage ich mich, wie die gute Frau es hinbekommt Rezeption, Küche, Raumpflege und Wäsche allein zu schmeißen. Nebenbei sind da auch noch 2 Kinder. Der Mann arbeitet vermutlich auswärts, wo der Stundenlohn höher und stabiler ist. Ein Familienmodell, daß hier nicht selten ist.

Ich komme mir gut aufgehoben vor, denn man wird hier so freundlich und unkompliziert behandelt, daß man sich wie bei Freunden fühlt. Nach meiner Ankunft, fiel einem Mann, der kein Gast und kein Mitarbeiter des Hauses ist, mein Stiefel auf. Er deutet darauf, verzieht das Gesicht und geht. Bevor ich anfangen kann, daß zu interpretieren kehrt er zurück. In den Händen hält er ein Paar Adiletten, welche er mir lächelnd hinwirft. Mit der Linken klopft er mir auf die Schulter und mit der Rechten bedeutet er mir diese anzuziehen. Was für ein cooler Typ und wie lieb und aufmerksam! Ich bedanke mich und neige mein Haupt, um ihm zu zeigen, daß ich das sehr zu schätzen weiß. Er tut es mich gleich, grinst, murmelt ein paar Worte und verschwindet wieder.

Man führt mich zu meinem Zimmer. Das ist super sauber, warm, geräumig und wesentlich moderner, als ich mir vorgestellt hätte. Das Bad ist riesig, wenn man bedenkt, daß hier doch recht weit ab vom Schuss bin.

 

Nach der Tour schlafe ich wie ein Stein.

Am nächsten Morgen dann Frühstück.

 

Wieder mal, alles frisch zubereitet und alles aus dem Dorf selbst. Käse, Joghurt und Brot sind selbst gemacht. Dazu sogar noch zwei Varianten Pfannkuchen sowie Gurken, Tomaten und Trauben aus dem eigenen Garten bzw. dem der Nachbarn. Die Milch stammt von den Kühen, die gehalten werden und bei den Eiern höre ich draußen von wem die stammen.

Auch das Pflaumenmus ist selbst gemacht. Alles schmeckt wahnsinnig gut und ich wünschte ich könnte was mitnehmen.

Aber der Plan ist, zurück nach Mestia zu fahren, um nach Schuhen zu gucken. Ich bin zum Wandern hergekommen und dann muss das auch was werden.

Ich zahle, packe meine Sachen und stelle dabei fest, daß man meine Stiefel an den Herd zum Trocknen gestellt hat. Wieder mal bin ich von der ehrlichen Fürsorge der Menschen hier berührt. Man hätte sie auch einfach draußen stehen lassen können, hat man aber nicht.

Ich verabschiede mich und mache mich auf den Weg, den pensionierten Piloten (was für eine Alliteration, ob die Bild noch Leute sucht?) zu treffen, der mir gestern ja gesagt hat, er könne ein Taxi nach Mestia klarmachen.

Ich treffe ihn wie erwartet auf der Baustelle. Er erkennt mich und scheint überrascht, daß ich tatsächlich aufgetaucht bin. Er grinst und ruft: “Mestia?”

Ich nicke und er ruft eine Worte in Richtung der Baustelle. Ein junger Mann blickt auf, legt seine Arbeit nieder und kommt auf uns zu. Er grüßt mich freundlich und wir geben uns die Hand. “Sorry, not much English”, sagt er lächelnd und bedeutet mir ihm zu folgen. Der Alte klopft mir auf die Schulter und wendet sich dann wieder seiner Arbeit zu.

Es ist sein Sohn der mich fahren wird und entgegen seiner Behauptung nur wenig Englisch zu können, mit mir sehr gut kommunizieren kann. Einzelne Wörter die ihm nicht einfallen werden kurzerhand gestikuliert, umschrieben oder auf Russisch probiert. So einfach kann Kommunikation funktionieren, wenn man kreativ ist. Und Georgier sind unfassbar kreativ wenn es darum geht das Beste aus den gegebenen Umständen zu machen. Eine Eigenschaft, die ich nur bewundern kann. Ein Beispiel: die Bewohner der Dörfer mögen keine Raser (denn oft gibt es nur eine Straße und auf dieser gehen die Kinder zu Schule), haben aber kein Geld für “professionelle” Speed Bumps. Also funktioniert man kurzerhand die Reste von einer Baustelle um.

Genial!

Wir biegen ab und gehen durch ein Tor. Der Sohn des Piloten zeigt auf einen uralten Fiat, der uns als Gefährt dienen wird und jedem TÜV Mitarbeiter Alpträume bescheren würde, erklärt aber, daß er diesen noch vorbereiten muss.

Konkret bedeutet das, daß er im Haus verschwindet und kurze Zeit später mit einer 0,5 Liter Cola PET Flasche wieder erscheint in der sich Benzin befindet. Er füllt den Tank auf, verschwindet wieder und kommt mit einem Kompressor wieder. Er bringt die Reifen auf Druck und testen dann den Motor, der nach einigen Versuchen anspringt.

Er winkt mich herbei und ich steige ein. Ich versuche mit anzuschnallen, bekomme den Gurt aber nicht aus der Halterung. “Broken”, lächelt er verlegen.

Wir fahren los und er erklärt mir während der Fahrt, daß er hier zwölf Dörfer gibt, auf die verteilt etwa 300 Menschen wohnen. Es werden aber immer weniger, denn viele wandern in die Städte ab. Während der Fahrt säuft der Wagen immer wieder ab. Ich bekomme das kaum mit, aber er dreht immer wieder mal den Schlüssel hin und her.

Eine gute halbe Stunde sind wir unterwegs und am Ende, statt mich einfach irgendwo abzusetzen, soll ich ihm die Adresse meines Gasthauses in sein Handy schreiben und er setzt mich vor der Tür ab.

Ich bedanke mich, wir schütteln uns die Hand und ich drücke ihm Cash in die Hand, denn ich kann hier ja wohl kaum sein Benzin verballern und mich dann einfach verpissen. “Nice to meet you, Friend”, sagt er. “It was nice to meet you, too, Friend!” Wir geben uns die Hand und er fährt los.

Den Rest des Tages verbringe ich damit, einen Transport zurück nach Tiflis zu organisieren, denn weder in Mestia, noch Batumi, Poti oder Zugdidi finde ich Läden, welche Wanderstiefel verkaufen. Ich finde in Mestia zwar zwei Läden, die gebrauchtes Hiking Gear verkaufen, die haben aber nur sehr kleine Schuhe im Angebot. Also bleibt als letzte Hoffnung Tiflis.